Langenhagener Eishalle wird zum Sorgenkind
Die Stadt als Retter in der Not?
Bericht von Bettina Reimann
Langenhagen, 02.06.2009.Jetzt ist die Stadt in der Pflicht: Das erst im Oktober 2008 eröffnete Langenhagener Eisstadion steht vor einer finanziellen Schieflage, in der sogar die Gefahr besteht, dass die städtische Bürgschaft in Höhe von zwei Millionen Euro fällig wird.
In den letzten Wochen mehrten sich die Hinweise, dass die finanzielle Situation des "Lenny Soccio Ice- und Eventcenters" erneuter kommunaler Hilfe bedarf.
Aus der Stadtverwaltung war jedoch meist zu hören, dass die Aussichten für das Center gut seien.
Das Pfeifen im Walde? Oder die Hoffnung, eine Unterstützungslösung zu finden, die ohne öffentliches Bekanntwerden erfolgt?
Die Finanzmisere des Eisstadions hat eine lange Vorgeschichte - und dem Hauptgesellschafter Lenny Soccio wird allgemein nur wenig Schuld daran gegeben. Auch Politik, Verwaltung und Volksbank hätten, wenn sie alle möglichen Informationen eingeholt hätten, ahnen können, dass das geplante Konzept nicht gut gehen kann.
Wie es mit dem Ice- und Eventcenter weitergeht, ist offen. Erhofft wird von allen Beteiligten eine Lösung, die den Bestand des noch neuen Centers sichert. Doch dazu braucht es ein tragfähiges Konzept... und vor allem: viel mehr Besucher.
Leere Strandkörbe im neuen Biergarten.
Sonnabendnachmittag im Leonards, dem Restaurant des Ice- und Eventcenters. Der Biergarten ist neu und mit Liebe gestaltet. Strandkörbe und Liegen, Bänke und Tische, eine sauber gekieste Fläche - und kein Platz besetzt.
Um 15.30 Uhr stellt die frustrierte Servicekraft fest, dass wir erst ihre zweiten Gäste des Tages seien.
Hinter dem Biergarten sieht man S-Bahnen und Metronom abfahren - dazwischen liegt Brachgelände. Ein ungepflegter Grünwall, ein unfertiges Außenglände. Hier müsste ordentlich investiert werden, um auch im Background Flair zu schaffen. Der Apfelkuchen schmeckt gut, das Chili con Carne auch. Innerhalb einer Stunde kommen insgesamt vier weitere Gäste, die aber nur je ein Getränk bestellen.
Das Leonards sollte einen positiven Deckungsbeitrag zu den hohen Kosten des Stadions leisten. Dies scheint nicht gelungen zu sein. Malcolm Whelan, Mitgesellschafter und von Eröffnung an Geschäftsführer im Bereich Tagungen und Gastronomie, ist seit einigen Wochen weg. Gerüchtweise ist zu hören, dass ihn "die Volksbank nicht mehr wollte".
Aber wollte die Bank wirklich die Lösung, die derzeit aktuell ist? Wenke Reiss, die Schwester von Silke Soccio, leitet jetzt den Gastronomiebereich, wie überhaupt die gesamte Familie dafür kämpft, dass Lennys Traum kein Alptraum wird. Seine Schwiegereltern arbeiten mit, der Chef selber ist sich für nichts zu schade. Aber da, wo Personalkosten nicht den Löwenanteil des Finanzproblems ausmachen, ist auch die fleißigste Familie nicht im Stande, eine so große finanzielle Krise zu lösen. Die Servicekraft, die uns am Sonnabend bedient, ist seit der Eröffnung dabei. Bis Sonnabend. Es ist ihr letzter Arbeitstag.
Das Leonards ist eine schöne Location. Doch Langenhagen ist voll von Gastronomiebetrieben. Ein schönes Restaurant mehr verteilt nur den bereits in der Stadt vorhandenen Gastronomieumsatz neu. Es ist keine Einrichtung, für die ein zusätzlicher Bedarf in der Stadt bestand.
Schon vor der Eröffnung Finanzsorgen
Die finanzielle Sorgengeschichte des Ice- und Eventcenters reicht weit in die Vergangenheit. Zunächst als rein privatwirtschaftlich finanziertes Unternehmen geplant, konnte der Bau schließlich nicht ohne städtische Bürgschaft begonnen werden. Die Ratsmitglieder stimmen einer Bürgschaft zu, weil sie das Konzept überzeugend finden. Mit Marcus Thies, so glauben sie, ist ein kaufmännischer Geschäftsführer dabei, der sich mit Eishallenmanagement auskennt. Branchenzahlen über die Kosten- und Finanzierungsstruktur anderer Eisstadien benötigen die politischen Entscheider anscheinend nicht. Erkundigungen bei anderen Stadien in der Region werden auch nicht eingezogen, denn den Informationen, zum Beispiel von Jochen Haselbacher, (Ice House Wedemark) glaubt man, nicht trauen zu können, da vermutet wird, dass der Wedemärker schon aus Konkurrenzgründen schwarzmalen würde. "Ist doch klar, dass die sowas sagen", hört man ironisch, wenn man anmerkt, dass Mellendorfer Zahlenmaterial Zweifel daran aufkommen lässt, dass sich das neue Langenhagener Stadion so rechnen kann, wie es prognostiziert wird.
So werden auch keine Erkundigungen darüber eingeholt, ob Marcus Thies, der früher einige Zeit im Mellendorfer Stadion arbeitete, wirklich ein erfahrener Eishallenmanager ist.
Die Politiker glauben geradezu blauäugig den Ausrechnungen des Dreigestirns um Lenny Soccio. Auch die Volksbank setzt Vertrauen in die Zahlen, sodass der Baubeginn schließlich erfolgen kann - wie man heute weiß mit viel zu geringer Eigenkapitaldecke.
Ein Dilemma für Lenny Soccio wird die Tatsache, dass die Hannover Scorpions, für deren damaligen Stammverein er Jugendtrainer ist, nicht bereit sind, mit ihm umzuziehen in seine neue Eishalle. Scorpions-Geschäftsführer Marco Stichnoth, der seit alten Wedemärker Zeiten im Scorpions-Umfeld tätig ist, hält den Bezug zur Gründerzeit aufrecht, indem er mit dem neugegründeten "ESC Wedemark Scorpions" einen Vertrag schließt. Damit bleibt eine sechsstellige Jahressumme in der Wedemark, die Lenny Soccio sich für sein Stadion erhofft hatte.
Der "ESC Hannover Scorpions" ist beim DEL-Verein aus dem Rennen. Es gibt den Verein weiter und seine Mannschaften trainieren ab Oktober bei Lenny - aber künftig ohne finanzielle Unterstützung der Hannover Scorpions.
In der Bauphase des Eisstadions wird mehrfach von Baustopps gemunkelt. Doch die lokalen Medien, die das Projekt nicht "schlechtschreiben" möchten, sind zwar informiert, berichten jedoch nicht. Die Eröffnung kann Anfang Oktober mit einem Festwochenende gefeiert werden.
Strukturfehler in der Anfangsphase
Das Ice- und Eventcenter setzte von Beginn an auch auf erhebliche Finanzierungsbeiträge aus Werbe-Einnahmen. Bandenwerbung, "Gründersteine", für die man bis zu 499 Euro zahlen sollte, um den eigenen Namen auf einem Klinker in der Stadionmauer lesen zu können und eine eigene Stadion-Illustrierte sollte es geben. Dagegen sollte relativ wenig Geld in die eigene Werbung nach außen investiert werden.
Die Rechnung kann nicht aufgehen, denn Werbung in einem Stadion kann sich zum Beispiel für Sponsoren nur rechnen, wenn dieses Stadion erhebliche Besucherzahlen und Medienpräsenz aufzuweisen hat. Die Eishockeymannschaften, die in Langenhagen spielen, haben jedoch eine zu geringe Zuschauerzahl, um hohe Werbepreise zu rechtfertigen. Auch Fernsehberichterstattung ist kaum zu erwarten. Das Werbekonzept geht nicht auf. Bis heute sind die Banden nicht komplett belegt, Viele weitere Werbeflächen sind freigeblieben, die hauseigene Illustrierte, die es nur im Stadion geben sollte, ist nur einmal erschienen.
Es scheint, als ob die Werbe-Experten der Anfangszeit sich an den Werbe-Konzepten von DEL-Vereinen und deren Stadien orientiert haben... für ein Stadion, in dem eine Regionalliga-Mannschaft zuhause ist.
Die neue Langenhagener Eishockeymannschaft "Jets" hat nicht einen einzigen Langenhagener Spieler - und darum auch keine einheimischen Fans. Es braucht Zeit, eine Fankultur zu etablieren und damit auch Zuschauer zu den Spielen zu locken. Doch diese Zeit hat das Eisstadion nicht, das von Beginn an mit knappster Finanzdecke arbeitet. So können auch die Einnahmen aus Eintrittsgeldern für Eishockeyspiele nur gering ausfallen.
Dagegen stehen hohe monatliche Kosten für Energie, Contracting mit Enercity und Fremdkapitalzinsen. Die Einnahmen der ersten Monate reichen nicht, um noch unbezahlte Rechnungen der Bauphase zu bezahlen.
Das macht auch die Bank nervös. Bereits im Dezember ist es soweit, dass die Stadt um eine Bürgschaftserhöhung gebeten wird. Der kaufmännische Geschäftsführer Marcus Thies muss in dieser Zeit seinen Hut nehmen.
Bürgschaftserhöhung im Dezember 2008
Der Rat der Stadt ist in der Bredouille: Wenn die Bürgschaftssumme nicht erhöht wird, besteht die Gefahr, dass die Bürgschaft fällig wird. Mehr Sicherheit bewilligen, damit die bisherige Sicherheit nicht von der Bank gezogen wird: So lautet die Lösung.
Die Politiker lassen sich vor allem von Lenny Soccio persönlich überzeugen. Jeder merkt, dass der ehemalige Eishockey-Nationalspieler für seinen Traum kämpft, auch selber abends die Halle fegt, um Personal zu sparen. Bei der Erhöhung des Bürgschaftsvertrages auf nun 2 Millionen Euro gehen Rat und Verwaltung jedoch dilettantisch vor: Es gibt nach Informationen des Stadtmagazins keine regelmäßige Auskunftspflicht des Bürgschaftsnehmers über aktuelle Betriebszahlen und auch keinerlei Mitspracherechte in kaufmännischen Vorgängen.
Die aktuelle Situation - 1,2 Millionen Fehlsumme
So erfahren die Ratsmitglieder auch nicht, dass die Schieflage des Ice- und Eventcenters keineswegs bereinigt ist. Im Frühjahr 2009 mehren sich die Gläubiger, die miteinander darüber reden, dass sie Geld vom Eisstadion bekommen und dass nichts kommt. Es sind auch noch ausstehende Handwerkerzahlungen aus der Bauphase dabei, die bereits das gerichtliche Mahnverfahren erreicht haben.
Von der Tatsache, dass derzeit, nach Informationen aus dem Rat der Stadt, wieder 1,2 Millionen Euro Fehlsumme aufgelaufen sind, erfahren die Ratsmitglieder erst nach einer Anfrage der CDU-Fraktion, die aus den laufenden Gerüchten Fragen formuliert hatte. Während die meisten Ratsmitglieder ahnungslos waren, wusste man in der Verwaltung längst: Es ist kritisch und so, wie es jetzt läuft im Ice- und Eventcenter, kann es nicht weitergehen.
Unter den erörterten Modellen ist auch eine Beteiligung der Entwicklungsgesellschaft Langenhagen an der Stadion-Gesellschaft. Diese hat EL-Geschäftsführer Jens Monsen jetzt jedoch in einem Interview mit einer Zeitung ausgeschlossen. Hierfür, so haben Befragungen des Stadtmagazins ergeben, würde sich wohl auch keine politische Mehrheit finden.
Dass die Volksbank bereits seit geraumer Zeit die Hand auf den Stadionfinanzen hat, erfahren auch Gläubiger, die im Eisstadion anrufen und ihrer Forderung Nachdruck verleihen wollen. Die Rechnungen seien alle zur Volksbank gegeben worden und dort werde über die Zahlungen entschieden, erfährt auch das Stadtmagazin. Beruhigen lassen sich einige von der Bitte, noch ein oder zwei Wochen zu warten, dann würde Geld fließen.
Doch woher dieses Geld kommen soll, scheint derzeit offen.
Einnahmen werden im Ice- und Eventcenter derzeit kaum generiert. Das Eis ist abgetaut, die Gastronomie läuft schleppend. Bei einem Treffen von vier Gesellschaftern, Jens Monsen in Vertretung der Stadt und der Volksbank wurde am Freitag verhandelt. Es war nicht das erste Gespräch dieser Art, denn schon Anfang Mai fanden Krisenkonferenzen statt.
Mitschuld von Stadt und Bank
Ein Ice- und Eventcenter, das nach einem dreiviertel Jahr finanziell vor dem Ende steht: Das wäre am schlimmsten sicher für den Mann, dessen Name draufsteht. Lenny Soccio erntet darum auch nicht, wie andere Geschäftsleute, Häme oder Schadenfreude. Dass er auf finanzielle Berater vertraut hat, die unausgegorene Finanzkonzepte verzapft haben, ahnt jeder. Eine Mitschuld haben aber auch Bank und Stadt: Hätten sie mit Krediten und Bürgschaften dem Hauptgesellschafter nicht suggeriert, dass die finanzielle Struktur aufgehen könnte, hätte er sich selber nicht in diese Misere bringen können. Lenny Soccio ist vor allen Dingen Eishockey-Profi, der als Trainer beliebt ist und als Zugpferd und Investor durch seine Prominenz eine positive Sogkraft hat. Im Geschäftlichen hat er zunächst anderen Menschen vertraut. Im letzten Jahr musste er in hoher Geschwindigkeit lernen, auch Geschäftsmann zu sein. In einer Situation, die finanziell schon so verfahren war, dass auch das schnellste Lernen nichts half. Da war das Stadion mit viel zu geringer Eigenkapitaldecke und darum im Vergleich zu den generierbaren Einnahmen zu hoher Zinslast schon gebaut.
Wohin geht die Reise?
Niemand wünscht sich eine nagelneue Bauruine an der Brüsseler Straße.
Das wäre peinlich für Langenhagen - für das Image der Stadt, für den Bürgermeister und für den Rat der Stadt.
Es würde auch offenbaren, dass Rat und Verwaltung finanziellen Konzepten aufgesessen sind, die einfach nicht aufgehen konnten. Dass viel zu wenige Brancheninformationen eingeholt wurden, zum Beispiel darüber, ob es überhaupt Eishallen mit Sommereis gibt, die sich ohne hohe öffentliche Zuschüsse betreiben lassen.
Eine positive Lösung wird von allen Beteiligten angestrebt. Doch wie sie aussehen soll, ist offen.
Und es lässt sich klar prognostizieren, dass ohne städtisches Geld, ohne Zahlungsflüsse aus Steuereinnahmen also, keine Lösung zu finden ist.
Bürgerfest nicht in Gefahr
Nach Informationen aus Ratskreisen investiert die Stadt über 30.000 Euro in das Bürgerfest, das am 13. und 14. Juni am und im Ice-Center stattfinden soll. Die Durchführung des Festes, so heißt es, sei nicht in Gefahr. Es bleibt zu hoffen, dass dort, wo derzeit die Gelder des Eisstadion verwaltet werden (also aller Vermutung nach bei der Volksbank), die städtische Vertragssumme, die dafür an das Eiscenter überwiesen wird, auch zweckgerechte Verwendung findet. Darauf muss die Stadt achten und Einfluss nehmen.
Zukunft: Eventcenter oder Mehrzweckhalle?
Ein Hiphop-Großevent, Weltmeisterschaftsboxkämpfe der Ladies: Es gibt einige spannende Events im Soccio-Center in den nächsten Wochen. Die Besucherzahlen werden zeigen, ob die Halle für solche Großereignisse angenommen wird.
eis soll es ab dem Bürgerfest wieder geben. Aber werden im Sommer Menschen zum eislaufen gehen? Die warmen Tage im Frühjahr, als noch öffentlicher Lauf stattfand, haben gezeigt, dass bei warmem Wetter draußen kaum jemand drinnen auf's Eis geht. Dies bestätigen auch die Erfahrungen aus der Wedemark: Menschen gehen auf's Eis, wenn es auch draußen kühl ist. An warmen Herbsttagen blicken die Mellendorfer Ice-House-Mitarbeiter auf die leere Eisfläche.
Wenn es in Langenhagen anders wäre, würde dies erstaunlich sein. Aber in Mellendorf hat ja vorher niemand nachgefragt.
Also doch vielleicht ein Umbau zu einer wettkampfgerechten Sporthalle für noch mehr Sportarten? Und wer sollte diese Investition bezahlen? Einfache Lösungen gibt es für das Soccio-Center wohl im Moment nicht.
Lenny muss man einfach die Daumen drücken, dass die Lösung für ihn gut ausgeht.
Am Stadion steht sein Name. Er hält den Kopf dafür hin. Dafür hat er Respekt verdient.
