Stadt zahlt 18.000 Euro für ein Buch mit vielen Fehlern

Ein neues Buch über Langenhagen ist ab heute im Handel -
Kommentar von Bettina Reimann
Langenhagen, 04.03.2009.

Zum ersten Mal seit mindestens 20 Jahren ist ein Buch zur Stadtentwicklung nicht privatwirtschaftlich finanziert worden sondern aus öffentlichen Mitteln. Rund 18.000 Euro hat die Stadt dafür gezahlt. Zum ersten Mal seit dieser Zeit ist ein Buch über die Stadt auch von einem studierten Historiker, dem Hannoveraner Martin Stöber verfasst worden. Stöber ist Geschäftsführer des Niedersächsischen Institus für Regionalforschung. Der Preis ist für ein gebundenes Buch mit 14,80 Euro relativ günstig.

Aber dieses Buch hat ein großes Problem und das sind die für Ortskundige oft schon auf den ersten Blick erkennbaren sachlichen Fehler. Stöber verliert sich oftmals in einfachen Aufzählungen, deren Inhalt man anmerkt, dass er nicht tiefer in die Materie eingedrungen ist. Und das führt zu Fehlinterpretationen. Aber auch eindeutige Fehler, die einfach schlechter Recherche geschuldet sind, finden sich auf den ersten Blick.
Acht eindeutige Fehler finden wir allein auf den Seiten 79 bis 99.


Besonders augenfällig wird dies auf Seite 79 im Bereich „ein gutes Pflaster für Kultur“: Dort steht, dass es „für die Ausbildung des Nachwuchses“ unter anderem die „Kunstschule für Kinder und Jugendliche“ gebe.
Falsch, denn sie wurde 1997 geschlossen.

Bei Veranstaltungsorten nennt er im gleichen Kapitel in einem Atemzug mit dem daunstärs und dem Theatersaal den „Musiktreff“.
Falsch! Es gab nie einen Veranstaltungsort namens „Musiktreff“, vielmehr war dies eine Konzertreihe der Werbegemeinschaft des CCL in deren Räumen.

Im Bereich bildende Kunst wird „die Aufstellung von 68 Löwen-Figuren im Jahr 2005“ erwähnt.
Falsch! Insgesamt 100 Löwen wurden verkauft, davon ca. 95 bunt bemalt und an den von ihren Besitzern gewählten Standorten aufgestellt. Es gab allerdings einen Tag der Löwenparade, an dem 68 dieser Löwen gemeinsam auf dem Marktplatz präsentiert wurden. Schnelles Querlesen nur einer Quelle mag die Ursache des inhaltlichen Fehlers auf Seite 81 sein.

Weiter geht's auf Seite 91: „Darüberhinaus setzt der Wirtschaftsklub die etwa seit 1970 bestehende Tradition Langenhagener Verkaufsausstellungen und Messen fort“.
Falsch! Langenhagen gehörte zu jenen Kommunen in der Region, die es nicht schafften, eine Tradition der lokalen Wirtschaftsschauen zu etablieren. Nur einmal, 1973, gab es auf dem Festplatz mit der „Informa 73“ eine große lokale Verkaufsausstellung. Dann ist 34 Jahre, bis 2007, Pause, bis der Wirtschaftsklub das Thema erneut aufgreift.

Schon Seite 93 bringt uns unter „Wohnen im Weiherfeld“ die nächste Geschichtsklitterung. Hier ist die politische Fehldeutung besonders gravierend. Stöber schreibt: „Der Ratsbeschluss für das Bauvorhaben Weiherfeld war 1993 gefallen. In jenen Jahren war der Trend, an den Stadtrand oder ins Umland zu ziehen, noch ausgeprägter als heute. Wer jüngere Menschen, insbesondere Familien, aber auch 'steuerkräftige Einwohner' vor Ort halten oder Neubürger gewinnen wollte, musste adäquaten Wohnraum bieten können.“
Falsch! Das Weiherfeld wurde Anfang der 90er Jahre in einer Zeit der großen Wohnraumnot geplant, als Aussiedler- und Asylbewerberfamilien in Turnhallen unterkommen mussten. Es ging zunächst darum, Menschen Wohnraum zu bieten, die verzweifelt wohnungssuchend waren - und nicht etwa darum, Menschen in der Stadt zu halten. Das Weiherfeld war zunächst primär mit vielen Komplexen des Geschosswohnungsbaus geplant, darunter ein hoher Anteil an Sozialwohnungen. Auch ein Komplex mit Unterkünften für 70 Obdachlose war vorgesehen. Daraus resultierte der anfängliche Misserfolg des Wohngebietes, das erst nach 2001 richtig erblühte, als endlich in Richtung Einfamilienhausbau und Reihenhausbau umgesteuert wurde.

Auf Seite 97 der nächste gravierende Fehler - hier geht es um den Bürgerentscheid zum La2o. Stöber schreibt: „Ein Bürgerentscheid brachte ein hauchdünne Mehrheit zugunsten von La2o“.
Falsch! Eine große Mehrheit der 41 % Wahlberechtigten, die abstimmten, sprach sich gegen den Bau aus. Da zur Gültigkeit eines Bürgerentscheides aber erforderlich ist, dass insgesamt 25% der Wahlberechtigten gegen das Projekt stimmen, fehlten am Schluß 300 Stimmen, um das Projekt durch Bürgerentscheid zu kippen. Oder, einfach ausgedrückt: eine deutlich Mehrheit von 41% reichte nicht ganz, um die geforderte Hürde „25%aller Wahlberechtigten“ zu nehmen.

Die Unkenntnis dieser Tatsache führt bei Stöber auch zur Fehlinterpretation des folgenden Ratsbeschlusses: „Dennoch zog im Stadtrat die SPD ihre bisherige Zustimmung mit Blick auf die hohen Kosten zurück, sodass die Bürgervertretung das Projekt kippte“.
Falsch! Der Ratsbeschluss mit dem Titel „Das neue Bad wird später gebaut...“ wurde von Teilen der SPD, Teilen der CDU, der FDP und den Grünen im Rat gefällt - und die Entscheidung jener SPD-Politiker, die damals gegen das La2o stimmten basierte eben darauf, dass die abstimmende Bevölkerung im Bürgerentscheid deutlich mehrheitlich gegen das Projekt gestimmt hatte. Das war kein „dennoch“ sondern ein „wegen“.

Eine erschreckende Auslassung zeigt Seite 99, in der es um die politischen Verhältnisse geht. Hier wird von der fast ehernen Tradition sozialdemokratischer Mehrheiten gesprochen, zunächst mit FDP, manchmal mit absoluter Mehrheit und dann mit den Grünen.
Falsch! Mit Josef Billerbeck gab es von 1981 bis 1986 auch einen christdemokratischen Bürgermeister, weil die Ratsmehrheit von einer Koalition aus CDU und FDP gehalten wurde.

Unser Urteil: Nicht empfehlenswert
Nach Auskunft von Martin Stöber hat er rund acht Wochen an dem 107 Seiten starken Buch mit sehr lockerer Textverteilung und vielen Bildern geschrieben. Zuvor hatte er schon einige Zeit im Stadtarchiv recherchiert. Allerdings basiert die Recherche, so erkennt man an Zitaten oft auf Sekundärquellen, also den bereits erschienenen Büchern über die Stadt und bei den lokalen Medien auf fast nur eine Quellenlinie, nicht auf alle erschienenen lokalen Medien. Und die mangelnde Ortskenntnis mag gerade dem historischen Wissenschaftler das Selbstbewusstsein zu falschen Bezügen gegeben haben. Wieviele Fehler sich auf den Seiten bis 79 eingeschlichen haben, lässt sich an dieser Stelle nicht sagen. Es ist auch nicht unsere Aufgabe, dies herauszufinden. Anhand der 20 geprüften Seiten ist jedoch von einem Kauf abzuraten.

Noch auf dem Markt ist Ernst August Nebigs mit Liebe verfasstes Taschenbuch „Langenhagen macht Geschichte(n), zum Preis von 12,90 Euro erhältlich bei Böhnert. Wer sich über die kostenlosen historischen Beilagen von Stadtmagazin und Echo in der vergangenen Woche (die sich inhaltlich durch Zufall blendend ergänzen) hinaus historisch informieren möchte, sollte das Buch des Ortsheimatpflegers erwerben.


Wie kam es zur Vergabe des städtischen Buchauftrages?
Das ist einfach erklärt: „Wir kennen uns schon lange“, sagen Dr. Heike Brück-Winkelmann, Leiterin des Stadtarchives und Dr. Annette von Stieglitz, Fachbereichsleiterin für Bildung und Kultur der Stadt, über sich und den hannoverschen Historiker in der offiziellen Buchvorstellungs-Pressekonferenz.

Für das Buch, so hatte es von Anfang an geheissen, arbeite die Stadt unter Federführung der VHS und ihrer Leiterin von Stieglitz mit dem „Niedersächsischen Institut für historische Regionalforschung“ zusammen.
Was irgendwie nach Universität und jungen Studenten klingt, ist aber ein nicht gemeinnütziger hannoverscher Verein - und in dem ist Dr. Annette von Stieglitz selbst die Vorsitzende. Martin Stöber ist Geschäftsführer dieses Vereins.

Allerdings ist das „Institut“ in diesem Buch gar nicht als ausführendes Organ genannt, sondern die Firma „ecrivir“. Und dieses Unternehmen ist eine GmbH, in der Martin Stöber einer von zwei Geschäftsführern ist. Eine kommerzielle Auftragsarbeit also.
So ist nun zum ersten Mal seit langem städtisches Geld in ein städtisches Buch geflossen - zu einem Unternehmen nach Hannover. Dessen Geschäftsführer auch Geschäftsführer in einem Verein ist, dem die städtische Auftraggeberin vorsteht.








Jubiläumsbuch
Buch aus öffentlichen Mitteln - mit offensichtlichen Fehlern







Löwe






















Josef Billerbeck

Mit Josef Billerbeck hatte die CDU schon vor Susanne Schott-Lemmer einen Bürgermeisterposten inne.




Ernst-August Nebig

Ortsheimatpfleger Nebig mit seinem Taschenbuch: "Langenhagen macht Geschichte(n)"