Lenny Soccio kämpft um seinen Traum:
Eisstadion braucht höhere Stadt-Bürgschaft
Langenhagen, 05.12.2008.Der Bau der Langenhagener Eishalle begann mit „I have a dream“: Lenny Soccio träumte davon, sein eigenes Eisstadion in Langenhagen zu bauen. Finanziell war dies nie einfach. Die Stadt Langenhagen machte schließlich mit einer 1,5 Millionen-Euro-Ausfallbürgschaft einen entscheidenden Schritt zum Bau der Eishalle. Nun soll die Bürgschaft erhöht werden, denn der Bau ist deutlich teurer geworden als geplant. „Ein großer Bau erzeugt große Kosten“, sagt Soccio, der hofft, dass der Rat der Stadt am Montag die Erweiterung der Bürgschaft um 500.000 Euro beschließt. Nun hofft Soccio auf das „Yes, we can“ des Rates. Das Ice- und Event-Center ist in Bedrängnis - nur zwei Monate nach der Eröffnung.
Nachschußbedarf seit September bekannt
Wie jetzt bekannt wurde, war schon im September, vor der offiziellen Eröffnung, durch einen Brief klar, dass ein finanzieller Nachschuß gebraucht würde. Im November kam die „Übernahme von zwei modifizierten Ausfallbürgschaften“ dann auf die Tagesordnung des städtischen Finanz- und Wirtschaftsausschusses, der Anfang der Woche in geheimer Sitzung darüber beschließen sollte. Doch hier wurde die Bürgschaft nicht, wie erhofft, abgenickt. Am Montag muß Soccio nun im nichtöffentlichen Teil der Ratssitzung Businesskonzept, aktuelle Zahlen und Strategie für die Zukunft vortragen. Es gehe nicht um einen Zuschuß für den laufenden Betrieb, betont Lenny Soccio, sondern um höhere Kosten der Bauphase. Die Volksbank verlangt zusätzliche Sicherheiten - es sind noch Handwerkerrechnungen zu begleichen.
CDU will nicht unter Zeitdruck entscheiden
Zumindest die CDU-Fraktion wird „nicht unter Zeitdruck entscheiden“, so Mirko Heuer am Donnerstag. Es gelte, auch alternative Möglichkeiten zu diskutieren. SPD und Grüne tagten am Mittwoch in einer gemeinsamen Koalitions-Fraktionssitzung dazu und hier scheinen die Chancen für Soccio besser zu stehen, eine schnelle Entscheidung zu bekommen. Keine Fraktion will das Eisstadion aufgeben - aber einfach so nachschießen wollen viele nicht. Und ein Abnicken ohne die Forderung nach größeren Kontroll- und Einflußforderungen der Stadt wäre auch nicht schlau.
Soccio ist sich „für keine Arbeit zu schade“
Alltag im Eisstadion: Silke Soccio steht in der Leihschuhausgabe, Lenny fährt schonmal selber die Eismaschine, wenn Eismeister Carsten Brandt frei hat und ist sich „für keine Arbeit zu schade“. Auch die Schwiegereltern helfen. In der Finanzkrise wird das Eisstadion zum Familienbetrieb.
Das wirkte in der Eröffnungsphase alles viel cooler und vielleicht war es auch das stolze Auftreten des gemeinschaftlich agierenden Führungstrios, das bei den Kommunalpolitikern und Kommunalpolitikerinnen den Eindruck erzeugte, dass alles rund laufe.
Lenny Soccio hat jetzt als Hauptinvestor viele Entscheidungen in seine Verantwortung zurückgeholt, führt zahllose Gespräche, wirbt um Sympathie für sein Projekt und kämpft darum, seinen Traum zu erhalten.
Mit dem laufenden Geschäft ist er zufrieden, hat zum Beispiel vor Weihnachten zahlreiche Anmeldungen für Weihnachtsfeiern und ist froh darüber, dass die internationalen Sledgeeishockey-Sportler sich in seinen Eiscenter so wohlgefühlt haben. Auch Handballpunktspiele laufen jetzt reibungslos - und der Chef hilft selber mit, den speziellen Boden auszulegen, wenn ein Spiel des HSC Hannover naht.
Finanzielle Sorgen schon in der Bauphase
Dass die finanziellen Schwierigkeiten nicht neu sind, wissen die Kenner der Szene. Auch während der Bauphase lief es nicht immer rund und von Baustopps war die Rede. Langenhagens Kommunalpolitik hat die Eishalle mit großer Mehrheit gewollt und den Zahlen des Businessplans geglaubt. Die Stadt schmückt sich gern mit dem Vorzeigeprojekt, das immerhin Heimstadion der Nationalmannschaft im Sledgehockey ist und in dem bereits viele zum Teil neue Mannschaften trainieren und spielen, die kaum weitere Eiszeiten in anderen Stadien bekommen könnten. Der SCL hat extra eine Eissportabteilung gegründet. Und darum ist der Druck auf die Politik groß, dem Projekt nun den Bürgschaftsnachschuß zu gewähren, wenn das realistische Risiko besteht, dass eine Insolvenz der Betreiberfirma droht.
Andere Stadien erhalten sechsstellige Zuschüsse
Ausserhalb Langenhagens wurde von Anfang an die schwierige Finanzierbarkeit einer Eishalle ohne regelmäßige kommunale Zuschüsse gesehen. Die Stadien in der Wedemark und am Pferdeturm bekommen von ihren Kommunen sechsstellige Jahreszuschüsse, um zum Beispiel Trainingszeiten für Kinder- und Jugendmannschaften, Schulen oder niedrigklassigere Mannschaften möglich zu machen, die wenig lukrativ sind, jedoch den Breitensport fördern. Eisstadien ohne solche Zuschüsse gibt es kaum - in Norddeutschland ist der Redaktion nach ausführlicher Recherche kein Stadion bekanntgeworden, das sich rein privatwirtschaftlich finanziert rechnet.
Was den Druck auf die Politik noch erhöht: Langenhagen kann sich einen weiteren Mißerfolg in Sachen Großprojekte kaum leisten. Das abgesagte LA20, die geknickte Landesgartenschau.... mit einer frisch fertiggestellten Bauruine auf hohem Niveau würde sich die Stadt der Lächerlichkeit preisgeben.
Die Bürgschaftserhöhung abzulehnen würde das Risiko erhöhen, akut die bereits gewährten 1,5 Millionen Euro zu verlieren. Die Bürgschaft zu erhöhen bedeutet, das zukünftige Gesamtrisiko zu erhöhen.
Die Politiker treibt eine weitere Sorge um: Dass die derzeitige finanzielle Hilfsbitte nicht die letzte gewesen ist. Ruhig schlafen kann Lenny Soccio derzeit nicht. Aber er ist sicher, am Montag Zahlen präsentieren zu können, die den Rat überzeugen.
Kommentar:
Geht's wirklich ohne Betriebszuschuß?
Das Ice- und Eventcenter ist nicht nur eine Freizeitstätte, in der man Spielen zuschaut, selber läuft oder im Restaurant speist. Es ist auch eine Sportstätte und wenn Kommunalpolitiker eins wissen, dann ist es, dass Sportstätten „sich nicht rechnen“. Lenny Soccio bittet nicht um einen regelmäßigen Jahreszuschuß, er will es selber schaffen. Das ist ehrbar. Das ist weiterhin optimistisch. Aber ist es realisierbar?
Mit 150.000 öffentlichen Läufern im Jahr wurde in der Eröffnungsbroschüre gerechnet. Bei 300 Öffnungstagen für öffentliche Läufer also 500 am Tag. Auch im Sommer. Es bleibt schwierig. Sehr schwierig. Manche sagen: Nicht machbar.
Die Kommunalpolitik sollte sich jetzt, noch für den Haushalt 2009, darauf einstellen, dass der öffentliche Zuschuß für den laufenden Betrieb kommen muß - und zwar jährlich, wenn es als wichtig für die Stadt angesehen wird, dem neuen Eisstadion eine langfristige Zukunft zu schaffen.
Ein Sportler, dessen Talent und Beruf es war, Eishockeytore für Deutschland zu schießen, darf, wie mancher andere Neu-Geschäftsmann, ein bißchen zu optimistisch kalkulieren. Schließlich trägt er auch persönlich die finanziellen Konsequenzen. Die Erfüllung eines Traumes ist mit Mut und Optimismus verbunden, die manchmal den Realismus ausser Acht lassen.
Ein Stadtrat, der den optimistischen Vorkalkulationen glaubt und mit einer Bürgschaft den Baubeginn erst möglich macht, muß dann aber auch bereit sein, sich an diesen finanziellen Konsequenzen zu beteiligen. Auch wenn es ein bißchen peinlich ist, zu große finanzielle Gutgläubigkeit einzugestehen.
Wie wär's damit, mal bei den Nachbarn anzufragen, warum sie einen Zuschuß zahlen, wozu er nötig ist? Und dann zu akzeptieren, dass in Langenhagen die eissportlichen Uhren auch nicht anders ticken als im Rest der Republik.
Bettina Reimann
