Navigationspfad: Startseite / Stadtgeschichte / PFERDEgeschichten / PFERDEgeschichten: Lebendige Märkte waren überregional bekannt

Übersetzung

PFERDEgeschichten: Lebendige Märkte waren überregional bekannt  E-Mail

Zunächst wurde dem Pferd ins Maul geschaut, um seinen Gesundheitszustand zu prüfen. Dann wurde gefeilscht, wieviel das Pferd kosten solle. Und schließlich wurde der Kauf per Handschlag besiegelt. So wurde vom 17. bis zum 19. Jahrhundert auf den Langenhagener Pferdemärkten ein Pferdekauf abgeschlossen. Nur einem geschenkten Gaul schaute man nicht in's Maul.

Das Marktwesen von der frühen Neuzeit bis in das 19. Jahrhundert stellte in den deutschen Landen den Mittelpunkt des überregionalen Handels dar - und die großen Pferdemärkte machten Langenhagen über die Grenzen des Königreiches Hannover hinaus bekannt.

Durch Pferdezucht in’s Lexikon
Es waren Pferdezucht, Pferdehandel und Pferdemärkte über die Langenhagen bis zum 19. Jahrhundert eine große Bekanntheit genoss: "Langenhagen, Hannöverische Amts-Vogtey im Fürstenthum Calenberg, gegen die Zellischen Vogteyen Burgwedel und Bissendorf, haben ein grosses Dorf gleiches Namens gelegen, welches wegen der starcken Pferde-Märkte berühmt ist" heisst es im "Real Staats-, Zeitungs- und Conversations-Lexicon", das Johann Hübner 1760 schrieb.

Marktrecht wurde 1618 verliehen

Schon am 7. Januar 1618 wurden Langenhagen Marktrechte verliehen.  „Friedrich Ulrich, Hertzog zu Braunschweig und Lüneburg“, verfügt, dass „jarichs zwei Vie- und Kramerjahrmärckte“ stattfinden dürfen. Der Montag nach Vitti (15. Juni) und der Donnerstag vor Estohimi (Sonntag vor Fastnacht) werden als Daten festgelegt.

Das Edikt über die "Abhaltung von Jahrmärkten zu Langenhagen" befindet sich im Hauptstaatsarchiv Hannover.
Wann an welchem Ort ein Markt stattfinden durfte, richtete sich auch nach den bereits bestehenden Marktterminen anderer nahegelegener Orte: "Die Termine der Märkte waren komplementär organisiert", schreibt Michaela Fenske in ihrem Buch "Marktkultur in der frühen Neuzeit". "Im Sinne der Verbraucher und Produzenten folgte Markt auf Markt, so dass die Handelstreibenden die Märkte nacheinander besuchen konnten: Wer nach Hildesheim kam, hatte zuvor häufig die Märkte in Elze und Hannover besucht. Daneben werden die Märkte in Langenhagen bei Hannover und in Peine sowie die Braunschweiger Messe als Stationen erwähnt."

Der große Pferde-Marktplatz
Der große Marktplatz erstreckte sich im 17. Jahrhundert etwa zwischen dem heutigen Buschkamp und Am Pferdemarkt von der Walsroder Straße aus zur heutigen Karl-Kellner-Straße hin. Ein großes Areal, auf dem zwei Tage lang lebendiger Handel getrieben wurde.

Zu den "Vie- und Kramerjahrmärckten" gesellten sich bald zwei weitere reine, zunächst halbtägige  Pferdemärkte, die bereits 1688 „...zu besserer Auffnahme und Fortsetzung dieses Pferde-Comercii“ auf ebenfalls zwei Tage verlängert wurden. Ein Edict des Herzogs zu Braunschweig und Lüneburg Ernst August, das sich im Staatsarchiv von Osnabrück befindet, zeugt davon.

Händler strömten in Scharen herbei
Aus allen Himmelsrichtungen kamen sie, den Reiterdamm (heute Reuterdamm) hinauf aus dem Celleschen und von Norden und Süden der heutigen Walsroder Straße folgend, die schon vor Jahrhunderten ein bedeutender Handelsweg war. Langenhagen war "von Hannover auf dem Wege nach Walsrode und Stade" gelegen, so Franz Heinrich Ungewitter 1858 in seiner "Neuesten Erdbeschreibung und Staatenkunde" auf die beiden bedeutenden Handelsplätze früherer Jahrhunderte verweisend.
So erklärt sich, dass die heutige Walsroder Straße diesen Namen trägt - aber auch, dass sie in früheren Jahrhunderten "Stader Landstraße" hieß.

Kredite von Markt zu Markt

Wege, die uns heute kurz erscheinen, waren damals Tagesreisen: Wer zum Beispiel aus Hildesheim kam, musste auf dem Weg zum Langenhagener Markt  zwischendurch übernachten.
(Aus Hildesheimer Jahrmarktsprotokollbüchern des Jahres 1686 erfahren wir dies für einen Fall in umgekehrter Richtung: Darin ist verzeichnet, dass zwei Pferdehändler aus Langenhagen die Zeche für eine Übernachtung auf dem Weg zum Markt geprellt haben.)
Die Märkte waren Warenumschlagsplatz, aber auch Nachrichtenbörse, in einer Zeit, als sich Wichtiges von Markt zu Markt weiterverbreitete. In einer Zeit, als Nachrichten nur so schnell vorankamen wie Menschen zu Pferd, erfuhr man in Langenhagens Ausspann-Schenken zu den Markttagen, was sich an den Tagen zuvor im fernen Peine, Celle oder Lüneburg zugetragen hatte.
Auch wurden Geldgeschäfte zwischen Händlern und Kredite untereinander oft von Markt zu Markt vereinbart, stellt Michaela Fenske in ihrer Untersuchung fest. Der Markt als Mittelpunkt frühneuzeitlichen Handels - und Langenhagen mitten im Zentrum des Geschehens!

Krämer, Krüger und Marktfrauen
Nicht nur Viehhändler kamen zu den märkten - die Kunden und Anbieter mussten auch mit Nahrhaftem versorgt wrden und darum fanden sich mobile „Krüger“ ein, die ihre Stände aufbauten. Der Markt war ein vornehmlich männliches Geschäft, was sich auch aus der Arbeitsteilung in der Landwirtschaft erklärt, bei der Frauen zumeist für die Zubereitung und Haltbarmachung des Geernteten oder Geschlachtten zuständig waren, Männer jeodch für Anbau und viehzucht.
Kamen Frauen zu den Märkten, so boten sie meist landwirtschaftliche Produkte wie Milch, Käse, Honig oder Brot an.
Waren die Krämer und Krüger zumeist hauptberuflich Reisende, die ihre Geschäfte auf Märkten machten, so mischten sich bei den Anbietern von Vieh auch Bauern, Adelige oder Klosterbedienstete dazwischen. Für sie war, im Gegensatz zu Großhändlern wie den Langenhagenern Eicke, Kuhlmann oder Baumgarten, der Markthandel Nebenerwerb.

Sittenverderbliche Lieder auf Märkten
Die verschiedenen Langenhagener Märkte hatten durchaus unterschiedlichen Charakter. Die Vieh- und Krämermärkte boten auch Unterhaltungsprogramm. So wird in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts regierungsseitig vermerkt, dass „auf den Jahrmärkten hin und wieder sittenverderbliche Schriften und Lieder öffentlich feilgeboten werden“. Mit „sittenverderblich“ waren damit aber nicht nur die „liederlichen“ Texte und Gesänge gemeint - auch politisch Revolutionäres gehörte in aufrührerischer Zeit zu den Vorträgen bei Jahrmarktereignissen.
Die reinen Pferdemärkte hingegen waren handelsorientierte spezialisierte Veranstaltungen, bei denen auch sehr große Abschlüsse getätigt wurden. Es waren jene Pferdemärkte, die Langenhagens überregionalen Ruf als Markt­standort ausmachten.

Erstklassige Fohlen standen zum Kauf
Vielerorts im Königreich Hannover hatten sich die Bauern darauf­ ­verlegt, mit der Aufzucht von Fohlen Geld zu verdienen. Die erwachsenen Pferde wurden mit Gewinn weiterverkauft. Die Langenhagener Pferdemärkte waren bekannt dafür, dass man dort exzellente Fohlen kaufen konnte - denn Langenhagener gehörten zu den wenigen Ämtern im Calenbergischen wo in großem Stil Pferdezucht stattfand, stellt Franz von Reden 1839 in seinem Buch "Das Königreich Hannover statistisch beschrieben zunächst in Beziehung auf Landwirthschaft, Gewerbe und Handel" fest. 

Heimliche Händel im Hinterhof
Und so mancher Käufer wollte sich die besten Pferde schon vor Marktbeginn sichern. Nach und nach kamen die Marktteilnehmer an, bezogen Zimmer im Zollkrug oder einer anderen Schenke, stellten ihre für den Handel bestimmten Pferde in Ställen unter - und lernten sich, vielleicht beim einheimischen Broyhan-Bier, das im Amte Langenhagen gebraut wurde, kennen.

Die besten Pferde erwerben zu können war das Ziel vieler Marktbesucher - und die heimlichen Händel vor Marktbeginn nahmen Überhand. Georg Ludwig, Hertzog zu Braunschweig und Lüneburg, wurde dadurch zu einer­ ­strengen Verordnung veranlasst: 1701 stellte er fest, dass „der Kauff und Verkauff der Pferde nicht zu der gesetzten Marckt-Zeit, auch nicht an den gewiedmeten Orten, sondern fast mehrentheils vorher“ - und zwar „in denen Wirths- und anderen Privat-Häusern wo die Pferde auffgestallet werden vor­genommen wird“. Solcherlei Handel wird unter Strafe gestellt und die Wirte werden ermahnt dem Handel nicht Vorschub zu leisten und entsprechende Vorfälle zu melden.

 


Saugfüllen ab 5 Pistolen
Doch die erfolgreichen Züchter und Großhändler in Langenhagen, die ganzjährig ihrer Handelstätigkeit nachgingen, waren aufgrund ihrer guten, oft internationalen Kontakte, für die besten Verkäufe zunehmend nicht mehr auf den Markt angewiesen.
"Auf den Märkten sind während der letzteren Jahre Saugfüllen mit 5 bis 7 Pistolen, 1'/,jährige, mittlerer Qualität, mit 12 bis 16 Pistolen bezahlt, welche Preis etwas geringer" seien als in anderen Regionen des Königsreiches Hannover", schreibt Franz von Reden. Er nennt auch den Grund für diese niedrigeren Preise: "...weil die besseren Pferde gewöhnlich schon auf den Höfen der Züchter verkauft sind." 
Im Calenbergischen kamen Käufer von weither, weil die hannoversche Zucht so einen guten Namen hatte: "Diese Füllen werden auch zum Theil von Roßhändlern aus Thüringen, Sachsen, dem Halberstädtischen, Mecklenburgischen, Oldenburgischen, Braunschweigischen, Hamburg u. s. w. gekauft und in's Ausland geführt."
Zunehmend treten individueller Handelsformen an die Stelle der großen Märkte. Bereits 1849 verfügt die Königlich Hannoversche Landdrostei, dass die Märkte zu Langenhagen aufzuheben seien.

Gibt es noch Marktprotokolle?
Zweieinhalb Jahrhunderte lang verliehen sie Langenhagen Bedeutung und sorgten für zunehmenden Wohlstand bei Züchtern und Händlern bis zu den Koppelknechten, die bestellte Pferde in ganz ­Europa auslieferten.
Marktprotokolle oder Bücher, die in der Amtsstube Langenhagens zu den Märkten sicher geführt ­wurden, sind im städtischen Archiv bisher nicht aufgetaucht. Sollte es sie doch geben würden sie den Blick in ein buntes reges Langenhagener Leben vergangener Jahrhunderte öffnen. Vielleicht finden sich ja Dokumente bis zum Jubiläumsjahr "700 Jahre Langenhagen", das 2012 begangen wird?

Text: Stadtmagazin
Quellen:
Real Staats-, Zeitungs- und Conversations-Lexicon, Johann Hübner, Gleditzsch, 1760

Marktkultur in der Frühen Neuzeit:
Wirtschaft, Macht und Unterhaltung auf einem städtischen Jahr- und Viehmarkt, Michaela Fenske, Böhlau Verlag Köln Weimar, 2006

Das Königreich Hannover
statistisch beschrieben zunächst in Beziehung auf Landwirthschaft, Gewerbe und Handel,
Freiherr Franz von Reden, Generalsekretär des Gewerbevereins für das Königreich Hannover
Hahnsche Hofbuchhandlung, 1839

Deutschland und seine Bewohner: ein Handbuch der Vaterlandskunde für alle Stände, Karl Friedrich Vollrath Hoffmann, 1836, Seite 48

Neuestes Conversations-Lexicon, oder,
Allgemeine deutsche Real-Encyclopaedie fuer gebildete Stande, Band 11, Verlag F. Ludwig, 1830




 

Der neue Waldkater

Get Adobe Flash player

Valid XHTML 1.0 Transitional CSS ist valide!