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Der Pferdehandel war für alle gesellschaftlichen Schichten der damaligen bäuerlichen Gesellschaft wichtige Einnahmequelle - und machte jüngere Langenhagener Bauernsöhne zu frühen Reisenden sogar bis nach Südeuropa. Conrad Eicke, im Bild rechts, war einer der erfolgreichsten Pferdehändler.
Das Leben im Amte Langenhagen beschreibt Carl Gustaf Friedrich Wyneken, der von 1746 bis 1754 Amtsschreiber war. Er beschreibt im Kapitel „Arth des Bodens und der Gegend“ einen bedauerlichen Zustand: „Die Gegend, soweit sich das ganze Amt im Umkreise und Durchschnitt erstrecket, ist ganz eben und plaine, dagegen eines der schlechtesten Terrains, was im Calenbergischen und übrigen Ämtern nicht leicht und schlechter in Absicht guter Cultur zu finden sein dürfte.“ Sandig, leimig und morastig sei der Boden und der „Orth-Stein“ (Rasen-Eisen-Stein), mit dem der Boden „unterwerts gleichsam fast durch und durch durchwebt ist“, verschlechtert die Situation noch.
Täglich Buchweizengrütze
Nur die wenigsten Langenhagener können in der Mitte des 18. Jahrhunderts, die Wyneken beschreibt, vom Ackerbau leben. Die Nahrung der Langenhagener wird so beschrieben, dass „der Bauer auf dem platten Lande im Amt Langenhagen alltäglich am liebsten Buchweitzen Grütze, auch sich von gehackten mit Grütze durchkochten Kohl ernähret“.
Zwei Neben-Erwerbszweige machen den Langenhagener Bauern das Leben leichter: Zum einen der Abbau von Torf in den Mooren „zu Bothfeld und Kaltenweide“, der zum Zwecke des Verkaufs als Feuerungsmittel erfolgt. Zum anderen ist es der Pferdehandel, der Langenhagenern Wohlstand bringt.
Langenhagens früher Stadtarchivar, Walter Bode, greift in seinen „Langenhäger Skizzen“ auf viele Quellen zurück, um den Pferdehandel in Langenhagen greifbar darzustellen. Die ersten Hinweise auf solche Handelstätigkeit in Langenhagen gehen laut Bode auf die Zeit vor 1600 zurück.
Marktrechte 1618
Marktrechte wurden Langenhagen am 7. Januar 1618 verliehen. „Friedrich Ulrich, Hertzog zu Braunschweig und Lüneburg“, verfügt, dass „jarichs zwei Vie- und Kramerjahrmärckte“ stattfinden dürfen. Der Montag nach Vitti (15. Juni) und der Donnerstag vor Estohimi (Sonntag vor Fastnacht) werden als Daten festgelegt. Jeweils zwei Tage durften die Märkte dauern, die auf einem Areal zwischen der heutigen Walsroder Straße und der heutigen Straße Am Pferdemarkt stattfanden, die ihren Namen genau von jenem Marktgeschehen erhielt. Ungefähr bis zum heutigen Buschkamp erstreckte sich der Marktplatz des 17. bis frühen 19. Jahrhunderts, der schnell zum Erfolg wurde. Die Vieh- und Kramermärkte reichten bald nicht mehr aus, und es wurden zusätzlich halbtägige reine Pferdemärkte durchgeführt.
Der Erfolg machte auch hier eine Erweiterung des Marktrechtes notwendig, die „Ernst Augustus, Bischoff zu Osnabrück, Hertzog zu Braunschweig und Lüneburg, im September 1688 gewährte: „...zu besserer Auffnahme und Fortsetzung dieses Pferde-Comercii“ durften auch die zusätzlichen Pferdemärkte künftig zwei Tage andauern. Neben den hannöverschen Märkten waren die Langenhagener Pferdemärkte die wohl bedeutsamsten im Calenberger Land.
Pferdehandel bringt das meiste Geld in die Stadt
Amtsschreiber Wyneken schreibt bereits Mitte des 18. Jahrhunderts, dass Langenhagen „ehemals wegen der vielen reichen Rosshändler“ gleichsam berühmt gewesen sei. Auch in seiner Zeit ist es noch so, wiewohl der hauptsächliche Handel wegen „der großen dazu erforderlichen Geld Anlage“ nur von den „bemittelsten unter den Einwohnern“ betrieben werden könne.
Doch insgesamt würde durch den Pferdehandel das „mehreste Geld ins Amt gebracht“. Der große Pferdebedarf der Heere macht den Pferdehandel besonders einträglich. An „hiesige, preußische, sächsische, heßische und zum Theil auch kaiserl. Trouppen“ werden Pferde abgeliefert.
Amtsschreiber Wyneken hat in seiner Beschreibung auch schon die grobe Vorstellung einer lokalen Kaufkraft, die durch diesen Handel gesteigert wird: ...„obgleich diese Pferde in anderen Gegenden aufgekauft werden, so wird doch der größte Teil des Gewinnes in hiesigen Amte verzehret.“ Der Pferdehandel schafft Arbeit und Lebensgrundlage nicht nur für die eigentlich wohlhabenden Händler und ihre Familien. Auch die ärmeren Langenhagener, „Häuslinge, Brincksitzer und selbst die erwachsenen Söhne der Meyerleute und anderer Eingeseßenen“ haben ihren Anteil, indem sie die Pferde warten und pflegen und bei den Käufern abliefern.
Je mehr Kriege, umso mehr Bedarf an Pferden
Bereits 1689 lebten laut einer Steuerliste für das Amt allein in Langenhagen und Krähenwinkel 13 namentlich bekannte Rosshändler, und auch Pferdehirten findet man unter den Langenhagenern. Je mehr Kriege geführt wurden, umso dringender wurden Pferde gebraucht - und verkauft, um auf den Schlachtfeldern des Kontinents in den Tod zu gehen. Langenhagen muß ein aufregender lebendiger Ort gewesen sein zur Zeit der großen Pferdemärkte, von denen auch die heimischen Wirtsleute tüchtig profitierten. So mancher Händler wollte sein Geschäft schon vor dem festgesetzten Marktzeitpunkt machen - und mancher Käufer ging gern darauf ein, um vor dem offiziellen Marktbeginn nereits die besten Pferde zu erwerben. Georg Ludwig, Hertzog zu Braunschweig und Lüneburg, wurde dadurch zu einer strengen Verordnung veranlasst: 1701 stellte er fest, dass „der Kauff und Verkauff der Pferde nicht zu der gesetzten Marckt-Zeit, auch nicht an den gewiedmeten Orten, sondern fast mehrentheils vorher“ - und zwar „in denen Wirths- und anderen Privat-Häusern wo die Pferde auffgestallet werden vorgenommen wird“. Solcherlei Handel wird unter Strafe gestellt und die Wirte werden ermahnt dem Handel nicht Vorschub zu leisten und entsprechende Vorfälle zu melden.
Manche Rosshändler machten ein Vermögen Man stelle sich vor, wie Händler aus Nah und Fern kommen, ihre Pferde unterstellen und auf den Wegen oder in den Wirtshäusern mit Käufern in Kontakt treten, um die besten Geschäfte zu machen. Langenhagen als pulsierender Handelsplatz einer der wichtigsten Waren der Zeit: Das aufblühende Amt war dadurch im ganzen Land bekannt - und geschäftstüchtige Langenhagener machten ihr Vermögen damit.
In den Kirchenbüchern findet man Zeugnisse davon, dass Langenhagener Pferdehändler zu wohlhabenden Menschen wurden. So hat 1727 Rosshändler Caspar Schaumann der heutigen Elisabeth-Kirche „allhier die Taufe, die Cantzel und den Altar mit rothem Laken und eingefaßten Treßen beehrt und beschenkt.“ Ernst-August Nebig erwähnt in seinem Buch „Langenhagen macht Geschichte(n)“ die Zahl von nicht weniger als 2.000 Pferden, die 1784 aus Langenhagen und Isernhagen an den König von Neapel geliefert wurden.
Großlieferungen keine Seltenheit Verweise auf diese Großlieferung gibt die „Erdbeschreibung des Königreichs Hannover“ von Heinrich D. Sonne aus dem Jahr 1817, in der es mit Bezug auf Isernhagen heisst: „Die E. müssen starke Pferdezucht haben, denn im Journal v. u. f. Lüneburg 1784 steht, dass I. und Langenhagen dem König von Neapel 2.000 Pferde verkauft hätten.“
Doch die Lieferung von 2.000 Pferden im Rahmen eines Auftrages war keine Einmaligkeit: So schreibt der Schwäbische Merkur in seiner Ausgabe vom 31. Julius 1803: „Ein Roßhändler Eicke von Langenhagen liefert die 2000 Pferde, im Namen des Landes, an die Französische Armee. Gestern lieferte er 400 Stück für 29.000 Rthlr.“
Koppelknecht war ein neuer Beruf Einen neuen Berufsstand gibt es zum Beginn des 19. Jahrhunderts: Die Knechte, die durch's Land reisen und die Pferde beim Käufer abliefern, werden nun „Koppelknechte“ genannt und tragen eine besondere Berufskleidung - enganliegende lederne Reithose, Mantel und Quersack.
Die Familie Eicke aus Brink gehörte zu den großen Rosshändlern. Ihr bekanntester Kunde war wohl General Scharnhorst, von dem ein Brief an seine Pferdehändler erhalten ist (siehe Abbildung). Darin bedankt er sich für die Creditierung eines Pferdes und übersendet die noch offenen „19 Luisdor“. Die Eickes waren zu jener Zeit auch Inhaber des Zollkruges, eines Ausspanns mit Wirtschaft. Noch heute wird der Zollkrug als Hotel von der Familie geführt - ein Zeugnis der großen Zeit des Langenhagener Pferdehandels.
Märkte verlieren Bedeutung Die großen Märkte in Langenhagen verlieren um die Wende zum 19. Jahrhundert an Bedeutung. Walter Bode vermutet in den Langenhäger Skizzen die „unruhigen Besetzungszeiten der Welfischen Lande“ als einen Grund, das Zusammenfallen des Viti-Marktes mit dem Bissendorfer Markt als andere Ursache. 1807 geht aus einer Eingabe des Vogtes Müller an die französische Besatzungsbehörde hervor, dass „der hiesige vormals sehr berühmt gewesene Kram-, Vieh- und Pferdemarkt in Abgang geommen sey“. Zunächst wird daraufhin für den Markttag, der mit Bissendorf konkurriert, der Termin verlegt - vom Montag nach Vitus auf den Montag vor Vitus. Die Zeiten ändern sich - und an die Stelle der großen Märkte treten individuelle Handelsformen. Bereits 1849 verfügt die Königlich Hannoversche Landdrostei, dass die Märkte zu Langenhagen aufzuheben seien.
Der Pferdehandel erlischt dadurch nicht, doch die Zeit der großen Märkte ist vorbei. Erst nach dem 1. Weltkrieg wird der Marktgedanke in Langenhagen wieder aufgegriffen. Die Gründung der „Hannoverschen Centralviehhalle Langenhagen G. m.b.H.“ sorgt 1922 dafür, dass die Gemeinde wieder einen besonderen Handelsplatz bekommt. Bis in die 40er Jahre hinein gab es die Centralviehhalle, die dort stand, wo heute das Gelände von Benecke-Kaliko ist. Der Pferdehandel war jedoch nicht mehr zentrales Marktelement, denn das Pferd als Fortbewegungsmittel war abgelöst.
Pferde-Tradition wird wiederentdeckt Der Pferdehandel brachte Langenhagen zweieinhalb Jahrhunderte lang eine wirtschaftliche Blüte, die für den Wohlstand vieler Familien und für einen Ausweg aus der kärglichen Ackerwirtschaft sorgte. Pferde haben Langenhagen gestärkt und das Bild des Ortes geprägt - auf ganz andere Art, als es heute mit den großen pferdesportlichen Ereignissen der Fall ist. Doch gestern wie heute war und ist das Pferd Wirtschaftsfaktor für Langenhagen und bringt Besucher von Nah und Fern in die Stadt, die sich ihrer großen Pferdetradition wieder richtig bewusst wird.
Text: Stadtmagazin Quellen: Amtsbeschreibung des Carl Gust. Friedr. Wyneken, bearbeitet von Walter Bode, Schriften zur Geschichte der Stadt Langenhagen, Heft 4.
Langenhäger Skizzen, Bode, Humpe, van Hazebrouck, Schriften zur Geschichte der Stadt Langenhagen, Heft 6, 1984
Langenhagen macht Geschichte(n), Ernst-August Nebig, Sutton-Verlag, 2007
Erdbeschreibung des Königreichs Hannover, Heinrich D. Sonne, Verlag Voigt, 1817
Schwäbischer Merkur, Nro. 151, Ausgabe vom 31. 7. 1803, Seite 731
Deutschland und seine Bewohner: ein Handbuch der Vaterlandskunde für alle Stände, Karl Friedrich Vollrath Hoffmann, 1836, Seite 48
Neuestes Conversations-Lexicon, oder, Allgemeine deutsche Real-Encyclopaedie fuer gebildete Stande, Band 11, Verlag F. Ludwig, 1830
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