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20. Jhdt.: Nationalsozialismus und Krieg 1933 bis 1945 Drucken E-Mail

Der neue Machtapparat arbeitet schnell, kompromisslos, unerbittlich. Schon wenige Tage nach der Machtergreifung Adolf Hitlers ziehen auch durch Langenhagens Straßen SS-Kommandos, um jegliche Opposition schon im Keim zu ersticken. Insbesondere wird Jagd auf SPD-Mitglieder gemacht. Die neuen Machthaber wollen auch auf kommunaler Ebene den Aufbau des NS-Staates vorantreiben.

 

In dem damals noch sehr beschaulichen Langenhagen werden alsbald die Organisationen Ortsbauernschaft, NS-Frauenschaft sowie die Nationalsozialistische Frauenschaft gegründet. Weil Hitler in der Jugend die kommende Gesellschaft sieht, werden sofort auch Hitlerjugend und der Bund Deutscher Mädel in Langenhagen ins Leben gerufen.
Ganz schnell sind Verwaltung, Politik, Verbände, Vereine und selbst die Kirche in Langenhagen fest in der Hand der staatslenkenden NSDAP. Alle leitenden Funktionen werden mit parteigetreuen Frauen und Männern besetzt, der Überwachungsstaat funktioniert auch im Dorf Langenhagen lückenlos.

 

Sozialdemokraten werden verhaftet

Schon wenige Monate nach der Machtergreifung werden alle SPD-Gemeinderatsmitglieder von ihren Ämtern entbunden, das reichsweite Verbot der SPD vom 13. Juni 1933 führt auch in Langenhagen zu Verhaftungen.
Die Demokratie ist endgültig kaputt, als im April 1934 auf Vorschlag der Gauleitung Südhannover-Braunschweig Heinrich Petzold, seit 1932 NSDAP-Mitglied und Kirchenvorsteher der Elisabethkirche, zum Gemeindeschulzen bestellt wird. Die Gemeinderäte gibt es jetzt nicht mehr, sie werden von den Gemeindeältesten abgelöst, die künftig nur noch vom Landrat berufen werden. Am 19. Juli 1934 werden die neuen Gemeindeältesten Ortsgruppenleiter Klaprodt, Hermann Bodenstab, der Führer der Deutschen Arbeitsfront Bendrin sowie Gemeindeältester Hölscher per Handschlag vereidigt.

Drei Schicksale stehen für viele:
Um politische Gegner einzuschüchtern, dazu zählten insbesondere Sozialdemokraten, zogen schon kurz nach der Machtübernahme SS- und SA-Banden durch Langenhagen. Sie treiben SPD-Mitglieder aus ihren Wohnungen oder greifen sie auf der Straße auf, schaffen sie an abgelegene Orte, um sie dann zu verprügeln. Führende Sozialdemokraten, wie der Langenhagener Karl Schönemann, wurden hingegen gleich verhaftet.

Schönemann überlebt die Strafkompanie
Schönemann war der erste Langenhagener Bürger, der in ein Konzentrationslager gebracht wurde. Das ehemalige Gemeinderatsmitglied Schönemann wird am 5. Juni 1933 während der Arbeit verhaftet. Einige Wochen nach seiner Inhaftierung im Gefängnis in Hannover wird er zunächst in das Konzentrationslager Mohringen, später nach Oranienburg gebracht. Nur durch sehr viel Glück und die Fürsprache eines hohen Polizeioffiziers kann er das Lager gegen die Auflage, sich täglich beim Polizeirevier zu melden, verlassen.
Im April 1934 wird Karl Schönemann zum Arbeitsdienst einberufen. Den Kriegsdienst muß Schönemann in einer Strafkompanie ableisten. Er überlebt und wird nach Kriegsende Langenhagens erster Bürgermeister.

 

Karl Kellner stirbt im KZ Oranienburg
Für seinen sozialdemokratischen Mitstreiter Karl Kellner (nach ihm ist die Karl-Kellner-Straße benannt) endet seine oppositionelle Haltung tragisch. Karl Kellner, ein junger Langenhagener, der aus seiner kritischen Einstellung zum Naziregime nie ein Geheimnis machte, vertrat seine sozialdemokratischen Vorstellungen stets auch öffentlich. Zu seiner Sicherheit trug er häufig eine Waffe bei sich. Dies wurde ihm schließlich zum Verhängnis. Nach einem Streit mit einem SA-Mann löste sich ein Schuß und verletzte den Langenhagener Karl Z.
Auch nach Verbüßung einer Haftstrafe wegen „versuchten Totschlags und unerlaubten Waffenbesitzes“ (2 Jahre und 1 Monat) war der Wille Kellners nicht gebrochen. Nachdem er sich in einem Langenhagener Friseurbetrieb abfällig über ein dort hängendes Führerbild geäußert hatte, wurde er von dem Friseur denunziert, verhaftet und nach Oranienburg gebracht. Am 30. April 1938 wird der inzwischen 41-Jährige Langenhagener ermordet.
Neben Sozialdemokraten waren - wie überall im Lande - die jüdischen Mitbürger in besonderer Weise der Willkür des NS-Regimes ausgesetzt. Im Mai 1939 wurden in der Stadt noch 18 Juden registriert. Einer von ihnen, Siegfried Leske, bekam die Willkür des Regimes schon bald zu spüren. Bereits Anfang 1933 verlor er nicht nur seinen Sitz als Sozialdemokrat im Gemeindeausschuß von Brink, sondern auch seine Arbeit als Leiter einer Lebensmittelverkaufsstelle an der Walsroder Straße. Wohl weil Leske in einer sogenannten Mischehe lebt, bleibt er vermutlich vom Zugriff der SS verschont. Doch kurz vor Kriegsende, im Februar 1945, hätte den inzwischen 72-Jährigen Siegfried Leske das Schicksal beinahe doch noch ereilt. Er erhält die Aufforderung, sich „zum geschlossenen Arbeitseinsatz der jüdischen Teile aus Mischehen“ im KZ Theresienstadt zu melden.

Siegfried Leske darf wieder vom LKW steigen
Der Abtransport soll am 19. Februar 1945 ab Hannover erfolgen. Als Siegfried Leske an diesem Tag den bereitgestellten Lastwagen besteigt, fleht seine Frau die bereitstehenden SS-Männer an, ihren Mann freizulassen. Das Unglaubliche passiert: Der 72-Jährige Leske darf wieder nach Hause fahren. Zwei Monate später war der Krieg zu Ende und das Hitlerregime zusammengebrochen.
Diese drei Schicksale stehen für eine ganze Reihe anderer Fälle, die sich in Langenhagen zugetragen haben. Dazu gehören zum Beispiel auch die unrühmlichen Taten, an denen Ärzte der damaligen Landes-Heil- und Pflegeanstalten für Geistesschwache in Langenhagen (heutige Nervenklinik an der Walsroder Straße) beteiligt waren. Auch von hier aus gingen Transporte in die Vernichtungslager der Nazis.

Rasante Bevölkerungsentwicklung
Neben den gravierenden politschen Veränderungen verändert sich auch die städtebauliche und wirtschaftliche Entwicklung Langenhagens ab 1933 gewaltig. Die einst dörfliche Idylle ist einer aufstrebenden Kleinstadt gewichen. In Langenhagen, Langenforth und Brink, die später zur Gemeinde Langenhagen (1. April 1938) wurden, lebten 1933 etwas mehr als 5.000 Einwohner. Anfang der 40er Jahre waren es dann bereits 14.000 Einwohner.
Der Wohnungsbau und die Ansiedlung von Industriebetrieben tragen zu dieser Veränderung bei. Die Entwicklung ist so rasant, dass schon 1938 die Bedürfnisse der Industrie nach Wohnungen nicht mehr erfüllt werden können. Als Folge wird die „Gemeinnützige Wohnungsbau Langenhagen GmbH“ gegründet, die sich um den mehrschossigen Wohnungsbau kümmern soll. So entstehen kurz vor Kriegsausbruch Wohnungen im heutigen Wiesenau und am Berliner Platz. Langenhagen verfügt 1942 über 2.924 Wohnungen. Und immer noch reicht diese Zahl nicht aus, so dass wegen des steigenden Bedarfs der Industrie Notwohnungen errichtet und 44 Wohnstraßen ausgebaut werden. Zu diesem Zeitpunkt gibt es in Langenhagen 45 bäuerliche Betriebe, 360 Gewerbebetriebe und 35 Industriebetriebe.

 

Der andauernde Krieg beendet dann den wirtschaftlichen Aufschwung Langenhagens. Die hohen Kriegsabgaben reißen in den Haushalt der Gemeinde ein Loch von 386.000 Reichsmark. 1940 spüren auch die Langenhagener den Krieg direkt. Es fallen die ersten Bomben. Nach zahlreichen kleineren Luftangriffen in den folgenden Jahren legt der schwerste Angriff die Stadt am 27. September 1943 in Schutt und Asche.

1943: Stadt im Bombenhagel zerstört
Die englischen Flugzeuge der Royal Air Force belegen Langenhagen gegen 22 Uhr mit einem Bombenteppich.
Noch 19 Monate dauert es nach diesem Angriff, bis der Krieg auch in Langenhagen vorbei ist. Am 10. April 1945 fahren gegen 12 Uhr am Mittag amerikanische Panzer vor dem Langenhagener Rathaus vor. Die Stadt wird kampflos übergeben. Die schreckliche Bilanz: Viele tote Zivilisten und Soldaten, rund 70 Prozent zerbomte Häuser und Betriebe, zahlreiche verfolgte, inhaftierte und getötete Regimegegner und Juden.
Mit Hilfe der Sieger beginnt schneller Wiederaufbau:

Bösenberg übernimmt die Verwaltung
Tatkräftige Frauen und Männer beginnen sofort nach Kriegsende mit dem Wiederaufbau der Stadt. Von der britischen Militärregierung wird der von den Nazis aus dem Amt gejagte Gemeindevorsteher von Brink, Fritz Bösenberg, bereits neun Tage nach der Kapitulation mit der Ortsverwaltung betraut. Später wird er Langenhagens erster Gemeindedirektor nach dem Krieg. Bürgermeister wird Karl Schönemann, der wenig später bereits zum Landrat des Landkreises Hannover gewählt wird. Sein Nachfolger wird Friedrich Müller.

SPD gewinnt die Wahlen 1946 deutlich
Aus den ersten Wahlen geht die SPD am 15. September 1946 mit 50,33 Prozent als klarer Sieger hervor. Die anderen Parteien: CDU 17,24 Prozent, NLP/DP 23.43 Prozent, FDP 0 Prozent, BHE 0 Prozent, KPD 8,80 Prozent.

 

Autor dieses Beitrages aus der Jahrtausendchronik des Stadtmagazins vom 29. 12. 1999 ist Günther Sachs.




 

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