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19. Jahrhundert: Kriegswirren und Revolutzer Drucken E-Mail

Der Beginn des 19. Jahrhunderts ist in Langenhagen gekennzeichnet durch wechselnde Besetzung und Landeszugehörigkeiten. Zunächst kommen 1803 die Franzosen als Besatzer, dann gehört man ein Jahr lang zu Preußen, das 1806 zusammenbricht, worauf erneut die Franzosen kommen. Fünf Jahre lang gibt es dann eine Zugehörigkeit zum Königreich Westfalen und mit dem Wiener Kongreß schließlich die Zugehörigkeit zum Königreich Hannover.

In den folgenden Jahrzehnten hat man beim Lesen der alten Dokumente deutlich das Gefühl, Langenhagen auf dem Weg in die Zukunft zu sehen. Die Bevölkerung mischte sich ein, und auch die revolutionären Bemühungen der dreißiger und vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gingen an Langenhagen nicht vorbei. 1831 berichtet Amtmann Reinecke, dass der Geist im Amt ein guter sei.
Damit meint er, dass seiner Ansicht nach niemand aufrührerische Ansinnen mit sich trüge. Allgemein erkennt er aber bereits den Wunsch der Bevölkerung, dass „die Ablösbarkeit der gutsherrlichen Gefälle und Zehnten durch Gesetz reguliert werden möchte“. Auch 1832 meint Reinicke, dass sich die Bevölkerung nicht aufrühren ließe. Er habe es auch für das Beste gehalten, die einfachen Bauern, aus denen Langenhagen vornehmlich bestände, nicht über Bundestagsbeschlüsse oder dergleichen aufzuklären. Wir erfahren ganz nebenbei, daß schon einige Einwohner hannoversche Zeitungen lesen.

 

Der Zeitgeist ist nicht aufzuhalten

Doch die Entwicklungen des Zeitgeistes sind nicht aufzuhalten. Am 26. März 1849 wird von einer Volksversammlung berichtet, die im Haus des Gastwirtes Othmer stattfand. Ein Dr. jur. Mensching ist dabei als Wortführer aufgetreten. Ein gewisser Holzmann, der sich in Langenhagen „ohne Geschäfte aufhaltend und in den Wirtshäusern herumtreibend“ aufhielt, war bei der mündlichen Bekanntmachung der Veranstaltung besonders tätig.
Ebenso verachtend umschreibt der Amtmann weitere Aktivisten, so den „Kleinköthner Conrad Eicke aus Brink, der durch Faulheit und Ausschweifungen ein ansehnliches, ererbtes Vermögen durchgebracht hat“. Immerhin waren ungefähr hundert Leute zu der revolutionären Veranstaltung erschienen, und am Ende wurde ein Volksverein in Langenhagen gegründet, dessen Vorsitzender Conrad Eicke wurde.
Genau 54 Mitglieder hatte der Verein am Ende des Versammlungsabends. Das Langenhagener Amt war rundherum königstreu und konnte solches nur für verwerflich erachten.

 

Hoffmann von Fallersleben des Ortes verwiesen

Sogar Heinrich Hoffmann von Fallersleben geriet in die Fänge der Langenhagener Amtsleute. 
Seine freiheitlich gesinnten Lieder hatten ihn 1840 die Professur in Breslau gekostet. 1853 besuchte der Dichter das Pfarrhaus in Bothfeld, aus dem seine Frau stammte und das zu Langenhagen gehörte. Die Leute vom Amt ließen das Pfarrhaus durchsuchen, fanden nichts Belastendes, und trotzdem musste Fallersleben am selben Tag Amt und Königreich verlassen und durfte auch in späteren Jahren nur unter polizeilicher Überwachung zurückkehren.
Doch schon zuvor, 1851, war die jahrhundertealte dörfliche Ordnung umgestaltet worden. Statt des Bauermeisters (oder Hachmeisters) verwaltete jetzt ein Gemeindevorsteher das Dorf, ihm zugeordnet waren Gemeindeversammlung und Gemeindeausschuß. Nach einem gegliederten Wahlmodus im Mehrklassen-Wahlsystem wurde letzterer gewählt.
Noch wurde (bis 1919) nach sozialer Stellung und Grundeigentum die Stimmenzahl festgelegt - doch der Hauch der Veränderung, der das ganze Land durchzog, machte, wie man sieht, auch vor Langenhagen nicht Halt.
Im Jahr 1859 wird das Amt Langenhagen aufgelöst und dessen Verwaltung nach Hannover verlegt. Damit endet eine Tradition, die seit der Besiedelung Langenhagen Rang verlieh und dem dort ansässigen Vogt oder Amtmann immer auch Macht über Orte verlieh, die heute nicht mehr zu Langenhagener Gebiet gehören. Das umfangreiche Gelände des Amtshofes und die Gebäude wurden nach der Verwaltungsumstellung in eine Stiftung überbracht, die für Kranke und Bedürftige sorgen sollte.


Erziehungsanstalt für geistesschwache und blödsinnige Kinder

Die „Erziehungsanstalt für geistesschwache und blödsinnige Kinder“ wurde am 25. November 1861 in Langenhagen auf diesem Gelände gegründet. Damit war jenes Krankenhaus eröffnet, in dem wenige Jahre später einer der ganz Großen der Medizin als junger Arzt knapp zwei Jahre lang wirken sollte. Robert Koch kam 1866 nach Langenhagen als Anstaltsarzt und Betreiber einer kleinen Landpraxis. Robert Koch heiratete in der Langenhagener Elisabethkirche, und heute sind bekanntermaßen eine Schule und eine Straße nach ihm benannt. Als Arzt in Langenhagen soll er beliebt gewesen sein und keine Unterschiede zwischen Reich und Arm gemacht haben.

 

1868 wird das 1. Postamt eröffnet

Für Reiche wie Arme in Langenhagen zeigte sich auch bald der technische Fortschritt. 1853 wird eine Briefsammelstelle geschaffen. Die Gemeinde muß den Briefsammler selbst bezahlen, der fortan an der Poststraße den Postillion erwarten muß, um von ihm die Posttasche mit eingegangenen Sendungen zu empfangen und eine weitere Tasche mit den abgehenden Sendungen auszuhändigen. Schon wenige Jahre später wird die Frage nach einem richtigen Postamt aktuell. 1868 wird es eingerichtet. 1878 wird eine Telegrafen-Betriebsstelle mit Fernsprechbetrieb eröffnet.

 

1890 wird die Bahnlinie eröffnet

Am 25. August 1890 schließlich rollt der erste Eisenbahn-Zug in den neuen Langenhagener Bahnhof ein. Die Bahnlinie führt zu einem Aufschwung in Langenhagen, denn schon bald gründen sich dort gewerbliche und mittlere industrielle Betriebe. Die Einwohnerzahl steigt. Vergleichen wir mit der letzten Zahl aus dem 18. Jahrhundert, als 1.855 Einwohner zu verzeichnen waren. Über 2.192 Menschen im Jahr 1812 geht die Entwicklung zu 3.216 Einwohnern 1848. 1885 waren es schon 3.604 Menschen.

 

Zum Ausklang des 19. Jahrhunderts ist in Langenhagen vieles nicht mehr so, wie es zu Beginn des Jahrhunderts war. Nach einer Entwicklung über Jahrhunderte seit der geordneten Erstbesiedelung, die wir beschrieben und die man fast als Stillstand bezeichnen könnte, ist der rapide Fortschritt nicht mehr aufzuhalten. Doch wenn man einem Langenhagener beim Jahrhundertwechsel von 1899 zu 1900 erzählt hätte, dass bereits drei Jahre später einer versuchen würde, auf dem Gelände der Stadt das Fliegen zu betreiben, hätte der wohl große Augen gemacht. Und doch kam es so...

 

Aus: Jahrtausendchronik, Sonderheft des Stadtmagazin-Verlages, 29. 12. 1999

 




 

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